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17.098.269 Artikelanzeigen seit dem 12.08.2005

Botanischer Garten der Universität in Tübingen... 'Agave parryi' erblüht (!!!), BILD 1

Nachricht von Lutz - Langen/Hessen - Z 7b

Hallo Exotenfreunde,

unser netter Forumskollege Jost Wallis hat mir per Mail-Anhang zwei Bilder einer herrlich in Blüte stehenden 'Agave parryi' zugesandt - einschließlich eines Textauszuges zur Art. Er bat mich die Bilder und den Text ins Forum einzubinden - ich hoffe es klappt!?
Jene Agave kann oder konnte zur Zeit im Botanischen Garten der Universität in Tübingen bewundert werden!

Gruß Lutz


Pflanze des Monats
Juli

Parry's Agave – Ein prachtvolles Ende

Die Pflanze des Monats Juli wächst seit 1978 unauffällig und genügsam an dieser Stelle: Eine vergleichsweise kleine Agave aus dem Südwesten Nordamerikas. In diesem Frühjahr hat das unscheinbare Dasein ein Ende und Sie sehen eine kleine Sensation im Botanischen Garten: Der imposante Blütenstand mit zahlreichen Einzelblüten ist in diesem Jahr aus der Rosette emporgewachsen und hat in den letzten Wochen seine ganze Pracht entfaltet.
Der wissenschaftliche Name Agave parryi nimmt Bezug auf den amerikanischen Botaniker Charles Christopher Parry, der im 19. Jhd. zahlreiche Pflanzen für die Wissenschaft entdeckte.

Zahlreiche Nachkommen

Wie die meisten Agaven braucht auch diese Art viele Jahre, oft Jahrzehnte, um zur Blühreife zu gelangen. Der mächtige Blütenstand, der bei Agave parryi bis zu sechs Meter hoch werden kann, kostet die Mutterpflanze das Leben. Aber für die Nachkommen ist gesorgt: Die Mutterpflanze hat in weiser Voraussicht bereits einen dichten Kranz von Tochterrosetten gebildet, die an ihrer Stelle nun heranwachsen – um in etwa 25 Jahren selbst zur Blüte zu kommen.
In mehreren Etagen erblühen von unten nach oben mehrere hundert Einzelblüten. Die festen gelben Staubblätter stehen aufrecht um den langen Griffel und ragen aus den fleischigen rötlichen Blütenblättern heraus; besonders vor blauem Himmel bieten die Blüten einen eindrucksvoll leuchtenden Kontrast. Damit macht diese Art dem Gattungsnamen Agave (griechisch: die Herrliche, die Prunkvolle) alle Ehre.
In Ihrer Heimat werden die Blüten von Kolibris besucht, im Botanischen Garten übernimmt der Gärtner die Bestäubung. Aus den Samen, die sich in großer Zahl entwickeln, werden somit ebenfalls neue Pflanzen heranwachsen – der Aufwand zum Ende des Lebens war für die Pflanze nicht umsonst und bietet dem Pflanzenfreund eine unvergessliche Pracht.


Nutzwert für die Apachen

In ihrer Heimat wurden und werden die verschiedenen Agave-Arten auf vielfältige Weise genutzt. Die Blatthaut kann als Papierersatz dienen, die Endstacheln der Blätter als Nähnadeln. Die Blattherzen einiger Arten liefern ein schmackhaftes Gemüse. Aus den Fasern der Blätter, besonders der Sisal-Agave, werden Säcke, Taue und Matten hergestellt. Die Blütenschäfte dienten als Holzersatz und zur Herstellung von Musikinstrumenten. Der Saft der Blätter wird zu alkoholischen Getränken vergoren (Tequila, Mescal). Die Indianerstämme der Apachen haben unsere Art intensiv genutzt und vermutlich sogar in Kultur genommen; das Verbreitungsgebiet von Agave parryi und einiger nah verwandter Arten deckt sich erstaunlich gut mit dem ursprünglichen Stammesgebiet dieser Indianer.

Attraktion in Europa

Schon bald nach Kolumbus waren die Agaven als exotische Kostbarkeiten nach Europa gebracht worden und dienten vor allem an Fürstenhöfen als attraktive Zierpflanzen. Wann immer eine Agave zum Blühen kam, war das ein außergewöhnliches Ereignis, zu dessen Erinnerung sogar Gedenkmünzen geprägt wurden. Im Jahre 1712 wurde eine blühende Agave im Königlich-Preußischen Lust-Garten zu Cöpenick “täglich von hohen und niederigen Standes-Personen mit großem Plaisir besuchet (...), indem täglich 40 bis 50 Chaisen dahinfahren...”
Bald wilderten sich die Agaven in den wärmeren Gebieten Europas aus und sind heute weltweit verbreitet. Durch ihr hohes vegetatives und generatives Vermehrungspotential sind Agaven in manchen Ländern zu aggressiven Einwanderern und echten Plagen geworden.

Goethe in Bedrängnis

Auf seiner Italienischen Reise macht Goethe unangenehme Erfahrungen mit diesen Pflanzen, die in Reihen gepflanzt “lebende Zäune” bilden: “Wir (...) unternahmen alsdann, uns durch die Gärten eine Bahn nach der Stadt [Taormina, Sizilien] zu brechen. Allein hier erfuhren wir, was ein Zaun von nebeneinander gepflanzten Agaven für ein undurchdringliches Bollwerk sei; durch die verschränkten Blätter sieht man durch und glaubt auch, hindurchdringen zu können, allein die kräftigen Stacheln der Blattränder sind empfindliche Hindernisse; tritt man auf ein solches kolossales Blatt, in Hoffnung, es werde uns tragen, so bricht es zusammen, und anstatt hinüber ins Freie zu kommen, fallen wir einer Nachbarpflanze in die Arme. Zuletzt entwickelten wir uns doch diesem Labyrinth...”

Text: M. Hendrichs & B. Oberwinkler
Bild: F. Oberwinkler


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